Ein buddhistisches Qigong

Chan Mi Gong

 

 

Chan Mi Gong hat seinen Ursprung in geheimen zen-buddhistischen Übungen und ist in den letzten dreissig Jahren von dem chinesischen Sportmediziner Liu Hanwen neu entwickelt worden. Thomas Stockert beschreibt Herkunft, Anliegen und Grundformen dieser Übung, die in China aufgrund ihrer grossen Wirksamkeit bei der Behandlung verschiedener chronischer Krankheiten mittlerweise grosse Popularität geniesst.

 

Die Entstehungsgeschichte derÜbungen liegt im Dunkeln, da im alten China nur ein auserwählter Kreis von wenigen Menschen Zugang zu den vom Buddhismus geprägten Qigong-Übungen hatte. „Chan“ ist das chinesische Wort für japanische „Zen“, „Mi“ bedeutet soviel wie „das Geheime“ und „Gong“ kann man mit „Übung“ oder „Lehre“ übersetzen. Der Name weist also darauf hin, dass diese Übungsreihe aus Geheimschriften der Chan-Klöster in China entnommen wurde.

 

Solche buddhistischen Übungen wurden früher nur an Auserwählte weitergegeben, wobei diese Auserwählten meist Kinder waren, die über besondere Fähigkeiten wie Heilkräfte verfügten. Die Geheimnisse dieser alten Meister sind nur wenigen Menschen bekannt, und es besteht die Gefahr, dass diese alte Tradition versiegt und ihre Geheimnisse verloren gehen.

 

Die neuere Entwicklung und jetzige Popularität des Chan Mi Gong verdanken wir Liu Hanwen, einem 1921 geborenen Sportmediziner, der sich in den fünfziger Jahren intensiv verschiedenen geheimen, buddhistischen Übungen widmete. Lui Hanwen war der erste, der diese Übungen aufzeichnete. Sein Wissen um die Übungen wurde ihm von seinem Urgrossvater, seinem Grossvater und seinem Vater, alles Mönche, die auch chinesische Medizin praktizierten, sowie von seiner Tante, einer Nonne, die als eine „Unsterbliche“ bekannt war, übermittelt.

 

Liu Hanwen begann schon in jungen Jahren, Qigong zu üben. Mittlerweile besitzt er, dank 60 Jahren Praxis, eine grosse Erfahrung auf dem Gebiet des Heilens. Er baute eine Forschungsgruppe mit prominenten Qigong-Meistern auf und entwickelte schliesslich aus ganzen Reihe vonÜbungen, mit denen er experimentierte, die Übung, die sich heute „Chan Mi Gong“ nennt. 1980 traf er in Beijing auf Qigong-Meister Li Zhinan, der ihn in der Aufbauarbeit unterstützte und der Übung den Namen gab.

 

Im Frühjahr 1984 wurde diese Übung zum ersten Mal der chinesischen Öffentlichkeit durch einen Lehrgang, an dem auch Qigong-Experten teilnahmen, zugänglich gemacht. Heute gibt es einige Chan Mi Gong-Lehrzentren in verschiedenen Teilen Chinas. Die Übungsmethode wurde ausserdem innerhalb der Medien puplik gemacht.

 

Einer Schülerin Liu Hanwens, Frau Ma Huiwen, lag persönlichsehr viel der Verbreitung des Chan Mi Gong, denn sie konnte sich mit dieser Übung selbst heilen. 1980 musste sie ihre Arbeit wegen Krankheit aufgeben, sie hatte Gelenkrheuma, litt unter Blähungen, ihr Herz war nicht in Ordnung und sie klagte über häufiges Schwindelgefühl. Ihre Beine waren stark geschwollen, und das Bücken fiel ihr schwer, sodass sie nahezu unbeweglich war. Diese Situation bewog sie, Qigong zu lernen.

 

Im März 1980 nahm sie an ihrer ersten Chan Mi Gong-Gruppe teil. Durch Disziplin und Willenskraft erreichte sie nach einem Jahr einen praxisbezogenen Wissensstand, für den, wie ihr ein Meister versicherte, andere Menschen zehn Jahre brauchen würden. Im Mai 1981 begann sie dann selbst, Qi-Gong zu unterrichten. Sie trainierte krebskranke Patienten, denen die Ärzte zum Teil nur noch eine Lebenserwartung von einem Monat gegeben hatten, und die Wochen später in den Qi-Gong Kursen von ihren Heilerfolgen berichteten.

 

Nach Meinung von Ma Huiwen ist die wichtigste Voraussetzung für den Erfolg der Übungen „Glaube und Willenskraft“. Wenn man allen Willen daran setzt, sich mit der Übung zu verbinden, wird man den grösstmöglichen Erfolg erzielen. Je konzentrierter man übt, desto schneller entsteht das sogenannte „Qi-Gefühl“, das sich ganz unterschiedlich äussern kann: Der Körper kann leicht, schwer oder taub anfühlen, mal gross, mal klein oder als ob Ameisen auf der Haut kriechen würden. Wenn solche Empfindungen auftreten, sollte man sie zulassen, so befremdlich sie auch sein mögen. Sie sind ein Zeichen dafür, dass sich Qi im Kórper bewegt.

 

Kranke Menschen können sich bei den Übungen wohl oder unwohl fühlen, mitunter auch schmerzempfinden haben. Solche Erscheinungen sind normal, da Qi im Körper aktiviert wird und sozusagen „gegen die erkrankte Stelle stösst“. Bei diesem Stoss fühlt sich der Patient unwohl bis hin zu dem Punkt, dass er glaubt, es kaum noch aushalten zu können. Dies ist ein für den Patienten sehr wichtiger und schwieriger Moment.

 

Jetzt kommt es darauf an, die übung fortzusetzen und zu versuchen, die unangenehmen Empfindungen zu vergessen, zumindestens sich nicht von ihnen beeinträchtigen zu lassen. Man kennt diesen Aspekt auch von anderen buddhistischen Übungen (z.B. Vipassana), bei denen man dazu angehalten ist , solange durch den Schmerz hindurch zu gehen, bis er sich volständig auflöst.

 

Die Übungen des Chan Mi Gong sind jedoch nicht nur für kranke Menschen bestimmt, denn der Regulierung des Körpers sind keine Grenzen gesetzt. Wenn eine Krankheit geheilt ist und man weiter übt, wird die Leistungsfähigkeit gesteigert und die Lebenserwartung erhöht. In China ist es  ein zentrales Lebensziel, gesund zu sein und möglichst lange zu leben. Das bedeutet nicht – wie es oft im Westen der Fall ist -, dass das Gesicht ewig jung bleiben muss, sondern vielmehr, dass sich die inneren Organe in einem harmonischen Gleichgewicht befinden sollen.

 

Chan Mi Gong  ist eine Standübung mit ungefähr 50 Teilbewegungen, die den Kranken Schritt für Schritt gezeigt werden. Je nach Stadium ihrer Krankheit werden manchen Patienten eventuell nur zwei oder drei Bewegungen zum Üben gegeben, da sie gar nicht in der Lage sind, mehr aufzunehmen. Manchmal können die Patienten nur einen Teil der übung begreifen bzw. spüren, wobei spüren hier meint, das Qi zu spüren.

 

Je nach Fortschritt wird die Übung dann erweitert, und dem Patienten werden weitere Teilschritte zugemutet. Der Patient übt einerseits in einer Gruppe die Basisübung. Daneben werden ihm jedoch vom jeweiligen Qigong-Meister, andere, individuell auf ihn abgestimmte, Übungselemente vermittelt.

 

Chan Mi Gong setzt sich aus folgenden Teilstücken zusammen:

 

1) Die Basisübung

 

Die Basisübung besteht aus vier Grundbewegungen. Die erste ist die Wellen- oder Raupenbewegung (Yongdong) der Wirbelsäule. Sie beginnt am Steissbein und zieht sich, ausgehend von der Seite des Körpers, wie eine Schlangenbewegung von unten nach oben. Hierbei wandert man mental durch die Wirbelsäule, wobei sich später ein Qi-Gefühl einstellt. In derselben Art wandert man wieder zum Ausgangspunkt, dem Steissbein, zurück. Diese Bewegung wiederholt man, je nach Geschlecht und Gesundheitszustand, in einer gewissen Anzahl von Abläufen, wobei ein Ablauf jeweils aus einer Aufwärts- und einer Abwärtsbewegung besteht.

 

Die zweite Bewegung ist die Pendelbewegung (Baidong), bei der Körper von einer Seite zur anderen, von rechts nach links bzw. von links nach rechts, pendelnd bewegt wird. Auch hier geht man vom Steissbein aus entlang der Wirbelsäule nach oben und wieder zurück. Man wiederholt diese Bewegung ebenso oft wie die vorherige.

 

Die dritte Bewegung ist die Drehbewegung (Niudong) der Wirbelsäule. Man dreht sich von rechts nach links und von links nach rechts, während man auch hier wieder die Wirbelsäule mental nach oben bzw. nach unten durchwandert.

 

Als vierte Bewegung folgt dann die Windenbewegung (Rudong), in der Wellen- , Pendel- und Drehbewegung kombiniert werden, und in der Wirbel für Wibel von unten nach oben bzw. von oben nach unten bewegt wird, wobei man das Qi an jedem Wirbel spürt und wirken lässt.

 

Das Qi-Gefühl zu spüren ist natürlich für Anfänger etwas schwierig, weil sie zunächst viel zu sehr mit dem Ablauf der Bewegung beschäftigt sind. Jedoch nach einigen Übungsabläufen kann man sich auf die Wirbelsäule konzentrieren und sie zudem visualisieren. Wenn man so übt, stellt sich ein Qi-Gefühl automatisch ein.

 

Eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen der Übungen ist der richtige Stand. Hierbei wird das Körpergewicht im Verhältnis 3:7 (3/10 vorne, 7/10 hinten) auf den etwas zur Seite ausgestellten Füssen verteilt. Dabei werden Scheitel- und Dammpunkt sowie der Punkt zwischen den beiden Fersen in eine Linie gebracht. Wie bei den meisten Qigong-übungen ist es auch hier sehr wichtig, das Gesicht, das immer ein leichtes Lächeln tragen soll, zu entspannen. Schliesslich werden wichtige Punkte am Körper wie Oberes Dantien oder Drittes Auge (Huizhong), Dammpunkt (Michu) und Scheitelpunkt (Baihui) geöffnet.

                                                                             

 

Bei der Basisübung werden alle Wirbel bewegt und zwar zu allen Seiten. Dabei kommen die Wirbelsäule und die Hüftstellung ins Bewusstsein, die Aufmerksamkeit für jeden Wirbelkörper wird erhöht. Die Wirbelsäule wird beweglicher und der Energiekanal innerhalb der Wirbelkörper wird frei. Der obere Brustwirbelbereich hat normalerweise kaum Bewegung trägt die hauptsächliche Spannung in der Wirbelsäule. Diese Spannung kann durch die Übungen sehr gut gelöst werden.

Darüberhinaus werden bei der Übung alle Organe im Körper positiv angeregt, weil direkt neben der Wirbelsäule die Zustimmungspunkte (Shu-Punkte) der einzelnen Organe liegen. Durch die Bewegungen und die gezielte Aufmerksamkeit kommt die mit diesen Punkten verbundene Energie in Fluss. Der gesamte Übungsablauf ist grundlegend dafür, dass sich die Himmelsenergie (Yang) und die Erdenergie (Yin) im Abschluss der Übung im Dantien verbinden können.

 

2) Stärkung des Dantien

 

Die Übungen zur Stärkung des Dantien beginnen und schliessen im unteren Dantien unterhalb des Bauchnabels ab. Das untere Dantien ist ein „Energielager“ und wird durch „Energiespiralen“ im Bereich des Unterleibs aktiviert, damit es die Yin- und Yangkräfte besser an sich ziehen vermag. Wiederum macht man Wellen-, Pendel- und Drehbewegungen, die zur besseren Visualisierung der „Energiekreise“ im Unterleib beitragen und die Wahrnehmung für diesen Bereich erhöhen. Diese Kreise verlaufen in Spiralform vom Dantien nach aussen und bewegen sich durch eine sogenannte Taiji-Schleife wieder in entgegengesetzter Richtung zum Dantien zurück. Für die Drehbewegung wird der flachliegende Kreis (Pingyuan), für die Pendelbewegung der im Bauchraum stehende Kreis (Ceyuan) und für die Wellenbewegung der im Unterleib stehende Kreis (Zhengyuan) eingesetzt.

 

Nach den jeweiligen Bewegungen verharrt man im Dantien, bleibt jedoch in einer latenten Bewegung, wie sie vorher durch Spirale beschrieben worden ist. Die Energiekreise haben den Sinn, die Konzentration zum Sammeln von Qi im Dantien zu entwickeln. Die starken Kräfte, die sich hierdurch entfalten, sind für eine schwangere Frau nicht zuträglich, bei Unterleibsproblemen jedoch sehr förderlich.

 

In den buddhistischen Übungen spricht man nicht mehr vom Dantien, sondern vom Unterleib. Im Falle des Chan Mi Gong hat sich jedoch eine buddhistische Übung mit daoistischen Prinzipien vermischt. Charakteristisch für buddhistische Übungen sind Weite, Offenheit und Grenzenlosigkeit. So schickt man z.B. Qi in die Erde und in den Himmel hinaus, verbindet das Qi dort und bringt es in den zellulären Körper zurück. Dem Qi wird der Raum gelassen, sich im Körper den Platz zu suchen, wo es benötigt wird. Daoistische Übungen bleiben dagegen sehr viel mehr im Körper und beziehen sich auf das Meridiansystem. Das daoistische Erklärungssystem ist präziser und macht genauere Angaben zu Körperstellen (Meridiane und Punkte).

 

3) Verbindung zwischen Himmel und Erde

 

Mit Verbindung zwischen Himmel und Erde ist die Konzentration der Yin- und Yangkräfte des Kosmos im Dantien gemeint. Bevor es zur Konzentration kommt, müssen diese beiden Kräfte in den Körper einströmen. Dieses wird durch mentale Vorgänge gefördert. So stellt man sich vor, wie die Energie vom Dantien ausgehend an der Innenseite der Beine entlang nach unten zur Erde schickt, wie sie sich mit der Erdenergie verbindet und wieder nach oben zum Dantien kommt, weiter über den Rücken (Wirbelsäule) zum Kopf, wie man die Energie zum Himmel aussendet und sie sich dort mit der Himmelsenergie verbindet, und sie schliesslich über die Vorderseite des Körpers wieder zurück zum Dantien kommt.

 

Bei all diesen Visualisierungen bleibt der Körper ständig in der Windenbewegung und wie bei der gesamten Übung werden alle Gelenke bis zu den Finger- und Fusspitzen ständig etwas bewegt.

 

Grundlegend für das Chan Mi Gong ist die Basisübung mit den vier Bewgungen. Die anderen Übungen sind für Fortgeschrittene, die lernen, kein körpereigenes Qi zu verlieren. Dies ist wichtig, wenn man später mit seinem eigenen Qi heilen möchte. Beim Heilen verbindet sich der heilende mit dem Qi aus dem Kosmos, um auf den kranken Menschen diese Energie zu übertragen, ohne dabei sein körpereigenes Qi zu benutzen.

 

Unter diesen Übungen gibt es solche, die in Ruhe – im Sitzen, Stehen oder Liegen – stattfinden. Bei den Ruheübungen ist die Vorstellung nicht mehr im Körper, sondern im Kosmos. Alle Abläufe der bewegten Übung werden dann nur noch in der Vorstellung vollzogen, der Mensch soll sich selbst vergessen.

 

Bei anderen Übungen wird gelernt, wie man Qi aus dem eigenen Körper aussendet und einen Patienten heilt, indem man Qi in dessen Körper einbringt. Manche Patienten brauchen eine Ergänzung ihrer Energie, anderen muss das Qi entzogen werden. Beides ist lernbar, doch man muss schon ein sehr starkes Qi entwickelt haben, um anderen Menschen damit helfen zu können.

 

Chan Mi Gong kann als Ganzes oder auch in Teilstücken geübt. Wenn man das Gefühl hat, zu viel oder genug geübt zu haben, sollte die Übung beendet werden – allerdings nicht, ohne zum Abschluss die Energie im Dantien zu sammeln. Weiterhin ist es möglich, in der Übung speziell den Yin- oder den Yang-Anteil zu trainieren. Die Theorie der Übung ist leicht zu verstehen und die Übung ist selber leicht zu erlernen. Bereits nach kurzer Zeit (vier oder fünf Tagen) kann die Wirkung des aktivierten Qi wahrgenommen werden.

 

Chan Mi Gong gehört grundsätzlich zu den medizinischen Qigong-Übungen. In den letzten Jahren haben Forschungsinstitute und medizinische Institutionen in China und im Ausland Interesse an Chan Mi Gong gezeigt. Es sind eindeutige Erfolge bei der Behandlung von chronischen Erkrankungen wie Diabetes, rheumatischer Arthritis, gastritischen Geschwüren oder Herzerkrankungen, erzielt worden. In manchen Fällen konnten die Übungen auch eine Heilung bewirken. Zur Behandlung von Bluthochdruck gibt es im Chan Mi Gong eine eigene Übung, die das Qi der Niere und der Leber anspricht.

 

Chan Mi Gong ist mittlerweile sehr populär. Mehr als drei Millionen Menschen praktizieren weltweit diese Übungen. Über einhundert Forschungsgruppen sind eingerichtet worden, lehrer werden Beijing ausgebildet und reisen durch das Land. Die Kurse haben in China manchmal eine Grösse von bis zu 1800 Personen.